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Backfee Leni, der Lebkuchenmann und der Zucker

„Also manchmal verstehe ich die Menschen nicht!“
Der Lebkuchenmann seufzte laut.
„Wenn ich nur wüsste, was nun wieder mit ihnen los ist.“
„Los? Was ist denn los?“, fragte Leni, seine Backfee. „Ich weiß nur, dass sie sich mächtig auf unsere süßen Leckereien freuen. Wie jedes Jahr.“
„Das wohl, aber ohne … Zucker!“ Der Lebkuchenmann weinte fast. „Verstehst du? Sie wollen keinen Zucker mehr essen.“
„Aber warum denn nicht? Zucker macht doch glücklich!“, sagte die Backfee und leckte den großen Löffel ab, der voller Teig war.
„Mmh, Kokosmakronen, köstlich, aber ohne Zucker – undenkbar!“
„Stimmt genau!“ Der Lebkuchenmann nickte eifrig. „Das ist es, was ich denke und so kennt das auch jeder. Süß! Unser Gebäck muss süß sein. Süß wie die Sünde!“
Er seufzte. „Und genau das ist es, was vielen Menschen nicht mehr zu gefallen scheint. ‚Zucker macht krank!‘, sagen sie. Ach, ach! Was machen wir da nur?“
„Ach“, wehrte die Backfee ab. „Solche Wellen hat es immer mal gegeben, ich erinnere mich gut, dass wir schon vor Jahren mit weniger Zucker backen sollten. Und? Was ist passiert? Wir sind auf unserem Gebäck sitzen geblieben, ja, ja!“
„Echt wahr?“, wollte der Lebkuchenmann wissen. Er schüttelte den Kopf.
„Du meinst, sie wissen nicht, was sie wollen?“
„Doch! Klar wissen sie es.“ Backfee Leni lachte leise. „Gesund wollen sie leben, gesünder als die Jahre zuvor und sie nehmen es sich auch fest vor. Aber …“
„Aber?“
„Gesund ist eben nicht immer so lecker wie ungesund. Da nützen all unsere Backkünste nichts. Aber wir sollten ihnen helfen. Ich hatte da so eine Idee.“
„Da bin ich aber sehr gespannt!“, meinte der Lebkuchenmann und stupste das Honigkuchenpferd an, das genau neben ihm lag. „Sag du doch auch mal was, oder kannst du nur grinsen?“
„Nein!“, lachte das Honigkuchenpferd. „Ich habe euch gut zugehört und weiß, wovon ihr redet. Und aus eigener Erfahrung weiß ich auch, dass nicht nur Zucker süß bedeutet. Das wäre ja noch schöner, oder?“
„Was willst du damit sagen?“ Fast wollte die Backfee wütend aufbrausen, doch dann begriff sie.
„Stimmt ja!“, rief sie glücklich aus. „Da ist ja noch der Honig und der Ahornsirup, beides ist auch süß, wunderbar süß sogar!“
Das Honigkuchenpferd grinste, fast schon unverschämt grinste es und der Lebkuchenmann war auch beruhigt, jedenfalls vorläufig.
„Gut, gut!“, murmelte er, doch seine Miene blieb nachdenklich. „Ich … ich frage mich nur, ob dieses Honigsüß und Sirupsüß ein gesünderes Süß ist? Ob das die Menschen meinen? Oder sollen wir nicht besser das Fruchtfleisch reifer Datteln oder Bananen nehmen? Ach, ich bin mir so unsicher wie nie in meinem langen Lebkuchenmannleben.“
Die Backfee stemmte die Hände in die Hüften, überlegte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. „Alles Blödsinn! Wir sind hier in der Himmelsbäckerei, wir machen das, was wir immer gemacht haben. Die Menschen sind für sich selbst verantwortlich, für sich und ihre Gesundheit, bisher hat das doch gut geklappt. Sie sollen halt in Maßen genießen, das ist das ganze Geheimnis, oder?“
Der Lebkuchenmann hätte gern genickt, er traute sich aber nicht, möglicherweise wäre sein Kopf dann abgefallen, das wollte er lieber nicht riskieren.

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

Backfee Leni, der Lebkuchenmann und der Zucker
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