Schlagwörter

, , ,

Von leisen Basstönen, oder Papa ist raus

„Ich habe doch früher sogar in einem Knabenchor gesungen!“, sagte Papa beleidigt, als wir ihm sagten, dass er in unserem Weihnachtsspiel nicht mitsingen durfte. „Ich habe sogar in der ersten Reihe gestanden!“
„Ja, Papa, das wissen wir. Aber heute bist du ein Brummbass und passt so gar nicht zu den hellen Stimmen der Engel!“, versuchte ihm meine große Schwester Carina zu erklären. Sie war es auch, die die Idee für das Weihnachtsspiel gehabt hatte und nun mit großem Eifer versuchte umzusetzen. Bei der heutigen Probe ging es um den Gesang der Engel an der Krippe. Dafür hatte Carina eigens ein Lied geschrieben, das ganz wunderbar klang.
„Aber“, versuchte es Papa noch einmal, „aber im Orchester spielt doch auch ein Bass mit und seine leisen tiefen Töne tragen das Orchester durch das jeweilige Stück!“, sagte er.
Carina überlegte einen Moment und ich grinste schon einmal vorsorglich, denn ich wusste genau, was bei dieser Diskussion herauskommen würde. Papa würde seinen Willen bekommen, wie immer.
„Papa, da hast du auch ein bisschen recht!“, lenkte Carina ein und sofort widersprach Papa.
„Ein bisschen recht gibt es nicht, Punkt! Ich habe recht und deshalb darf ich mitsingen!“, trompetete Papa siegessicher.
Carina gab sich vorläufig geschlagen. „Also gut!“, sagte sie, fügte aber noch hinzu: „Die Betonung liegt auf „leise Töne“, Papa. Okay?“
Wir stellten uns also rundum den Zeitungsständer auf, der heute als Krippe diente. Wir, das waren wir Schwestern Nicole, also ich, und Sina, sowie unsere Freundinnen aus dem Nachbarhaus Anna und Lisa. Papa hielt sich im Hintergrund. Carina saß am Klavier. Sie spielte die Einleitung. Sehr leise und gefühlvoll machte sie das, dann kam unser Einsatz:
„Hier sind wir, Herr Jesus, an deiner Seit‘,
wir hoffen, dass unser Anblick dich freut!“
Das klang schön, lediglich Papas Basstöne schienen etwas zu schief und etwas zu laut zu sein. Oder waren sie überhaupt fehl am Platz? Carina schien jedenfalls angesäuert zu sein.
Sie klatschte in die Hände.
„Also nochmal, die Mädels kräftig bitte und du Papa, denk an die leisen Töne!“
Alle nickten, Carina spielte wieder das Vorspiel, dann setzten wir ein.
„Hier sind wir …“ Carina winkte ab. „Es ist nicht zu überhören, dass ihr da seid, aber das Kind in der Krippe bekommt einen mächtigen Schrecken, wenn ihr so brüllt!“, schimpfte sie.
„Ich geh aufs Klo!“, verkündete Sina und Anna schaute genervt auf die Uhr. „Kommt zu Potte, ich habe noch was vor!“, sagte sie und jeder wusste, dass sie sich mit Stephen treffen wollte, ihrem Lieblingsmenschen.
„So wird das nichts!“, meinte Carina. „Es sind nur noch vier Wochen bis Weihnachten, das schaffen wir niemals, wenn wir jetzt nicht vernünftig proben!“
„Ich hätte da mal einen Vorschlag!“, sagte Papa. Er hatte den Arm gehoben und zeigte auf wie in der Schule.
„Ja, Papa?“, ermunterte Carina ihn zu sprechen. „Lass hören!“
„Wir alle reißen uns nun für eine halbe Stunde zusammen und machen dann Feierabend. Niemand drängelt und motzt, ich eingeschlossen, und wir holen Mama als neutrale Beobachterin dazu. Die kann dann sagen ob mein Bass passt oder nicht und ob die Engel zu laut sind. Einverstanden?“
Ich fand das gut, Carina wohl auch und auch die anderen nickten zustimmend, außer Sina, die war noch auf dem Klo. Aber die war auch noch so klein, die hatte sowieso nichts zu sagen!
Wir haben es dann tatsächlich geschafft, das Lied zufriedenstellend zu singen. Woran lags? An Mama, die hat nämlich als erstes Papa den Mund verboten, ganz geschickt hat sie das gemacht.
„Bernd, du hältst dich besser zurück bei diesem Engelgesang, dafür bekommst du das Hirtensolo. Was meinst du, Carina?“
Den Felsbrocken, der Carina vom Herzen gefallen ist, konnten wir alle hören. Und das Beste: Papa war gar nicht beleidigt und das Hirtensolo, das hat er später ganz wunderbar gesungen, ehrlich!

© Regina Meier zu Verl

Photo by Ylanite Koppens on Pexels.com