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Der Schneemann und die Tiere

Im Garten mit dem lustig bunten Gartenzaun stand ein dicker Schneemann und langweilte sich, als es plötzlich dunkel um ihn herum wurde.
„Hey du! Was fällt dir ein? Nimm sofort dieses Ding von meinem Kopf. Ich kann fast nichts mehr sehen!“
Laut hallte die Stimme des Schneemanns durch den Garten. Am liebsten hätte er noch vor Empörung mit den Armen gerudert, doch die hatte ihm die rote Katze mit einem gewagten Sprung bereits ausgerissen. Jetzt hatte ihm jemand ein vertrocknetes Vogelnest auf den Kopf gesetzt. Unverschämtheit!
Sein Gezeter half aber nicht. Niemand kam, um ihm zur Seite zu stehen. Wo waren denn nur die Kinder, die ihn gebaut hatten? Der Schneemann runzelte angestrengt die Stirn, das Vogelnest wackelte ein wenig, fiel aber nicht herunter. Er nickte nicht dem Kopf, vorwärts, rückwärts, seitwärts. Zuerst vorsichtig, dann immer fester. Nichts half! Sowas Blödes aber auch.
Auf einmal gab es einen Ruck, jemand hatte etwas Schweres in das Nest fallen lassen. Der Schneemann stutzte, fühlte, überlegte. Ein Vogel war es, der sich in dem Nest auf dem Kopf niedergelassen hatte, ein großer, schwerer, finsterer Vogel, ein Rabe.
„Geh da weg von meinem Kopf!“, kreischte der Schneemann. „Aber sofort, sonst …“
„Sonst was?“, fragte der große Vogel und lachte hämisch.
„Sonst, sonst …“, der Schneemann wusste keine Worte. Irgendwie wagte er auch nicht, den Vogel heftiger zu beschimpfen. Aber gehörte es sich denn, auf fremden Köpfen herum zu tanzen?
„Sonst bekomme ich Kopfschmerzen, außerdem ist es mein Kopf!“, sagte er schließlich leise. Seine Stimme klang fast ein wenig verzagt.
„Und das hier ist mein Nest! Hier warte ich auf eine Frau, meine Frau, um genau zu sein!“, erklärte der Vogel und ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht nachgeben würde.
„Oh, bitte nicht, du bist allein schon so schwer. Das halte ich nicht aus. Park doch dein Nest woanders. Ich werde sowieso bald schmelzen und dann …“
„Quatsch mit Soße!“, lachte der Vogel. „Schmelzen kenne ich nicht, ist mir auch egal. Jetzt bin ich da und ich bleibe auch. Basta! Es ist ein guter Platz zum Wohnen! Allerdings stört mich dieses rote Ding in deinem Gesicht, es muss weg!“ Der Vogel machte sich an der Möhrennase zu schaffen, zog und zerrte und schließlich landete sie im Schnee.
„Aua!“, rief der Schneemann. „Bist du verrückt?“
„Nö, bin ich nicht, du vielleicht?“, der Vogel lachte und konnte sich gar nicht wieder einkriegen.
„Nein, verrückt ist er nicht, aber schlau!“, rief da ein Stimmchen. „Ich habe nämlich großen Hunger und so eine Möhre, die kommt mir gerade recht!“ Ein kleiner Hase war es, der sich sogleich über die Möhre hermachte.
„Danke, danke, danke!“, riefen auch die Mäuse, die etwas abbekamen von dem köstlichen Mahl. Die Meisen und Spatzen gesellten sich dazu und piepsten aufgeregt, das klang fast wie eine Gartensinfonie, einfach herrlich.
Da ergab sich der Schneemann in sein Schicksal, ja, er hatte sogar Freude an der Gesellschaft der Tiere, denn wenn er ganz ehrlich war, dann hatte er sich schon sehr einsam gefühlt, so allein.
© Regina Meier zu Verl

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Schneemann im Garten – Zeichnung Regina Meier zu Verl