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Das Glück und das neue Jahr

An keinem Tag im Jahr wünschten sich die Menschen so viel Glück wie am letzten des Jahres. Das kleine Glück aber zögerte. Zu oft hatte es erlebt, dass man es mit Füßen trat.
„Glück muss man sich verdienen“, sagte es nun. „Die Zeiten, in denen es mich ohne Mühen gab, sind vorbei.“
Es sah sich um und entdeckte eine junge Frau, die damit beschäftigt war, ihre Haare kunstvoll zu frisieren. Sie legte Lippenstift auf, blickte ihre Spiegelbild an und sagte: „Vielleicht habe ich heute Glück und treffe den Mann fürs Leben?“
Das kleine Glück lächelte. „Dafür braucht sie mein Glück nicht, das schafft sie alleine. Und der Mann dort drüben auch.“
Es schaute zu einem Herrn am Kiosk hinüber, der seine Geldbörse mit dem Kauf einer Handvoll Glücksscheine und Lotterielose um einige Scheine erleichterte. „Er gehört zu denen, die glauben, man könne das Glück kaufen. Ha!“
Das Glück winkte dem Kind zu, das am Fenster stand und sich Schnee wünschte. Es hatte nämlich zum Weihnachten einen Schlitten geschenkt bekommen.
„Mit etwas Glück schneit es bald!“, sagte die Mutter, um das Kind zu trösten.
Das Glück überlegte. Beinahe hätte es den Wolken hinter den Bergen einen Schubs gegeben, damit die ihre Schneelast etwas schneller und früher entluden.
Da fiel sein Blick auf die Mann mit einem schwarzen Gesicht und der langen Leiter, der auf dem Dach vor einem Kamin stand. Ein Schornsteinfeger, den die Menschen auch Glücksbringer nannten.
Das Glück hielt inne. „Hey, Glücksmensch, zeig, was du kannst!“, rief es ihm zu.
Verwirrt sah sich der dunkle Geselle um. Als er das Glück entdeckte, grinste er und seine weißen Zähnen leuchteten im rußgeschwärzten Gesicht.
„Ich kann Kamine fegen“, antwortete er. „Für das Glück bin ich nicht verantwortlich.“
„Nicht?“, fragte das Glück und pustete dem schwarzen Mann auf dem Dach eine Windböe zu. Der schwankte, doch er konnte sich am Kamin festhalten.
„Glück gehabt!“, schnaufte er.
Das Glück nickte. „Du brauchst mich wirklich nicht. Wer aber dann?“
Der Schornsteinfeger hatte einen Rat. „Geh zum Bäcker! Dort findest du viele Glücksschweine aus Marzipan. Gerade jetzt zum neuen Jahr sind sie sehr gefragt. Vielleicht kannst du ihnen ein bisschen Glück mit auf den Weg geben.“
„Du meinst, ich soll mein Glück aufteilen in viele kleine Schweine, äh, ich meine natürlich in viele kleine Glücksmomente?“, fragte das Glück. „Hm. Lass mich nachdenken!“
Und das Glück dachte nach … und das tut es noch immer.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Viel Glück im neuen Jahr, Bildquelle © 8773074/pixabay