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Wie die vier Kerzen zu ihren Namen kamen

„Die haben mich vergessen!“, schimpfte die vierte Kerze auf dem Adventskranz.
„Ach was, du kommst schon noch dran!“, meinten die anderen einstimmig.
„Aber es ist doch schon dunkel und wenn ich das richtig sehe, ist kein Mensch zu Hause“, sagte nun wieder die Nummer Vier.
„Wir sind denen gar nicht wichtig, sie haben uns nicht einmal einen Namen gegeben!“, sagte die Nummer Drei traurig. „Menschen geben denen, die sie lieben einen Namen. Denk mal an den Hund!“
„Du hast recht. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber es stimmt. Wir sind einfach nur Nummern. Oh je, ist das traurig!“ Das war die zweite Kerze.
„Wir sind eben nur Kerzen!“, flüsterte die Nummer Eins, die immer ein wenig leiser war als die anderen. Dabei hatte sie doch das Glück gehabt, als allererste von ihnen entzündet zu werden. Sie wusste aber, dass das ein Zufall war, es hätte ebenso gut eine von den anderen sein können.
Die vier Kerzen schwiegen, jede für sich war in Gedanken versunken. Im Haus war es mucksmäuschenstill, nur das Ticken der großen Wanduhr war zu hören.
Plötzlich wurde die Tür zum Wohnzimmer geöffnet und jemand schaltete das Licht ein.
„Jetzt ist es endlich soweit!“, dachte die vierte Kerze und wagte kaum zu atmen vor lauter Aufregung. Tatsächlich, da kam Tina, die hier wohnte und setzte sich aufs Sofa.
„Schatz!“, rief sie und noch einmal: „Schahatz!“
„Was ist denn, Tina?“, rief Alex, Tinas Liebster.
„Heute ist der vierte Advent, wir wollen noch die Kerzen anzünden und ein Weihnachtslied singen!“, rief Tina.
„Boah, du bist so altmodisch! Muss das denn unbedingt jetzt sein, ich habe solchen Hunger!“, maulte Alex. Da er aber seine Tina liebte, machte er sich auf den Weg ins Wohnzimmer.
„Ich bin übrigens nicht altmodisch, man nennt das romantisch, mein Lieber und ein wenig Romantik stände dir auch ganz gut zu Gesicht!“, meinte Tina und hielt Alex die Streichhölzer hin. „Mach du!“, ordnete sie an.
Gerade wollte Alex die vierte Kerze anzünden, deren Docht noch ganz unbenutzt war, als Tina rief: „So nicht, es muss in der richtigen Reihenfolge angezündet werden, die vierte ist die letzte Kerze, fang mit der Nummer Eins an!“, schimpfte sie.
„Demnächst werden wir den Kerzen noch Namen geben und ihnen später einen Gutenachtkuss geben!“, witzelte Alex.
„Blödmann!“, schimpfte Tina und schob schmollend die Unterlippe vor.
„Das ist aber kein schöner Name, lass dir was besseres einfallen!“, konterte Alex und brachte Tina damit wieder zu lachen.
„Okay, die erste heißt Chris – nun bist du dran, mein Lieber!“
Alex zündete die erste Kerze an. „Ich taufe dich auf den Namen Chris!“, sagte er feierlich. Dann hielt er das Streichholz an die zweite Kerze. „Und du heißt … Aua!“ Alex hatte sich den Finger verbrannt, das tat ganz schön weh.
„Aua kann sie aber nicht heißen“, meinte Tina, nachdem sie Alex einen Kuss auf den schmerzenden Finger gegeben hatte. „Ich schlage vor, sie heißt Aurelia, okay?“
Zu Chris und Aurelia kamen dann noch Luke und Mara dazu.
Die Kerzen waren glücklich und strahlten heller als je zuvor. „Sie haben uns Namen gegeben“, flüsterte Mara. „Das heißt, dass sie uns lieben!“
„Ja!“, flüsterten Chris, Aurelia und Luke.
Tina kuschelte sich an ihren Alex und schaute glücklich ins funkelnde Licht der Adventskerzen.

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich dir die Geschichte vor

Eine weitere Kerzengeschichte findet ihr hier: Jeder ist schön auf seine Art
und hier: Die kleine Kerze aus dem Weltladen