Schlagwörter

, , ,

Die Zwillinge Gabriel und Günter

Die Zwillinge Gabriel und Günter steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Dabei sahen sie sich vor, dass niemand mitbekommen konnte, was sie sich gerade erzählten, denn das würde ihren Plan zunichtemachen.
„Lass uns heute Nacht abhauen, bevor es zu spät ist“, meinte Günter leise und dann schnatterte er laut, weil sich der Bauer näherte. Gabriel stimmte mit ein, denn das tun Gänse, wenn sich jemand in ihre Nähe begibt. Der Bauer hatte sie sogar mal als „seine Wachhunde“ bezeichnet. Das war zwar eigentlich ungehörig, aber trotzdem hatte es sie doch ein wenig mit Stolz erfüllt. Hunde waren schließlich gefährliche Tiere mit scharfen Zähnen. Denen wollte keiner so leicht ans Leben.
Bei Gänsen war das anders, ganz besonders vor Weihnachten, denn bei vielen Familien landete eine Weihnachtsgans im Bratentopf und das waren keine guten Aussichten.
„Wir gehen nach Bethlehem, da wird uns nichts geschehen!“, hatten sie deshalb beschlossen.
Nun könnte man sich fragen, woher denn die Gänse von der Weihnachtsgeschichte wussten. Das war so: der kleine Johannes, der Sohn vom Bauern, hatte ihnen die Geschichte erzählt. So romantisch und spannend klang es, dass da der Josef mit seiner Maria den langen Weg zurücklegte und dann das Christkind in einem Stall geboren wurde, so, als sei es eines von ihnen. Günter und Gabriel waren davon überzeugt, dass dieser Menschensohn, nicht nur für die Menschen geboren war, sondern auch für die Tiere und deshalb wollten sie ihm die Ehre erweisen und auch nach Bethlehem reisen. Sie wussten zwar nicht so genau, wo es langging, aber das würde sich schon ergeben, dachten sie.
„Wahrscheinlich“, meinte Gabriel, „sind wir ja sowieso Engel. Schau uns an, wir haben ein weißes Kleid und Flügel, genau wie die Engel. Wir können fliegen und sind liebreizend anzusehen und ich heiße sogar so wie der Engel Gabriel. Vielleicht bin ich gar einer seiner Nachfahren, könnte doch sein, oder?“
Günter rollte mit den Augen, dass machte er immer, wenn Gabriel etwas sagte, das unglaublich klang, aber doch ein Körnchen Wahrheit haben könnte.
„Gabriel, du bist zwar ein eingebildeter Fatzke, aber da du mein Zwillingsbruder bist, könntest du in diesem Fall recht haben. Dann allerdings … wären wir beide Engel.“
„Sag ich doch!“ Gabriel war stolz darauf, dass er das erkannt hatte. Außerdem fand er es viel schöner, ein Engel zu sein, als ein Wachhund.
Als der Bauer außer Sichtweite war, machten sich die beiden Gänseengel deshalb auf den Weg nach Bethlehem. Vergnügt schnatterten sie, als sie ein Loch im Zaun fanden, drunter her
krochen und sich gleich darauf in die Luft hoben, wie richtige Engel das eben machen.

© Regina Meier zu Verl