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Gezwitscher

„Oh je, ich habe heftigen Muskelkater. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr das schmerzt!“
Kehli jammerte und streckte vorsichtig seine Beine aus. Eins nach dem anderen natürlich, denn sonst wäre er wohl auf den Schnabel gefallen.
„Was hast du denn nur gemacht, dass deine Muskeln so weh tun?“ Meisi sah ihren Freund mitleidig an. Das konnte sie gar nicht haben, dass es ihm so schlecht ging.
„Ach weißt du, ich hatte Hunger und da der Schnee ja alles zugedeckt hat, habe ich nichts gefunden, mit dem ich meinen Hunger hätte stillen können. Also habe ich versucht, an den leckeren Bällchen zu picken, die hier überall im Garten hängen!“, antwortete Kehli.
„Das war doch eine gute Idee. Ich bin jedenfalls total glücklich über die Leckerbissen. Sonnenblumenkerne sind drin, Nüsse und Fett, das wir so dringend brauchen, um gut über den Winter zu kommen!“ Meisi verstand nicht, was die Futterbällchen mit dem Muskelkater zu tun haben könnten.
„Du hast gut zwitschern, meine Liebe!“ Hast du schon einmal darüber nachgedacht, warum diese Bällchen ‚Meisenknödel‘ heißen?“, fragte Kehli verärgert.
„Nein, habe ich nicht. Ich wusste gar nicht, dass sie so heißen!“, meinte Meisi verwundert. Sie fand es nett, dass diese Leckerchen nach ihr benannt waren.
„Weil ihr Meisen euch daran festhalten könnt. Ihr seid eben Akrobaten und ich bin eben nur ein Rotkehlchen!“, erklärte Kehli etwas neidisch. „Ich kann machen was ich will, immer rutsche ich ab und stürze zu Boden. Trotzdem versuche ich es immer wieder. Manchmal gelingt es sogar!“
Meisi bedauerte ihren Freund. „Jetzt verstehe ich, du fliegst den Knödel an, kannst dich nicht halten, stürzt ab und dann rappelst du dich wieder auf und versuchst es erneut! Tapfer, tapfer, mein Freund! Du kannst andere Dinge viel besser als wir Meisen, du singst wunderschön. Es tut mir so leid!“
„Danke, Meisi! Du kannst ja nichts dafür und … psst!“ Kehli brach mitten im Satz ab. Meisi wagte nicht nachzufragen, was denn los sei. Da sah sie es aber schon. Eine Frau näherte sich dem Bäumchen, auf dem sie saßen. Sie hatte so ein komisches Ding in der Hand, an dem ein Band befestigt war.
Kehli suchte das Weite, Meisi flog hinter ihm her. Auf einem Nachbarbaum setzten sie sich nebeneinander auf einen hohen Ast und beobachteten die Frau.
Diese hängte dieses seltsame Gerät an einen stabilen Zweig. Dann ging sie zurück ins Haus und stellte sich ans Fenster.
Neugierig flogen die beiden Freunde wieder zurück zum Baum, an dem nun dieses Ding, ein durchsichtiger Plastikzylinder mit drei Stangen in verschiedenen Höhen, hing. Der Zylinder war mit Körnern gefüllt, leckeren Körnern.
„Ich werde verrückt!“, zwitscherte Kehli. „Sie hat extra für mich eine Futterstation aufgehängt!“
Meisi lachte hell auf.
„Vielleicht ist sie in dich verliebt!“, meinte sie und wäre Kehli, das Rotkehlchen nicht sowieso schon ganz schön rot im Gesicht und auf der Brust, so wäre das spätestens jetzt passiert.

© Regina Meier zu Verl