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Krümelkinder

„Na du, wartest du auf den Bus?“, fragt die Taube Tilli die Amsel, die sich gerade neben ihr auf dem Wartehäuschen niedergelassen hat.
„Auf den Bus? Wie kommst du darauf? Ich brauche keinen Bus, ich kann doch fliegen!“, antwortet diese und kichert. Dieses Kichern klingt wie eine schöne Melodie.
„Worauf wartest du dann?“, will Tilli wissen.
„Auf den Frühling, meine Liebe, und du?“ Die Amsel schüttelt ein paar Wassertropfen von ihrem Gefieder.
„Ich warte auf die Kinder. Sie müssen gleich aus der Schule kommen!“ Tilli späht aufgeregt von rechts nach links und wieder zurück.
„Und dann?“, fragt sie die Taube. „Was hast du vor mit den Kindern?“
„Mit ihnen habe ich nichts vor. Ich warte darauf, dass sie ihre Butterbrote auspacken und dann ist meine Zeit gekommen!“ Tilli lacht gurrend, eine gewisse Vorfreude ist ihr anzumerken. Die Amsel schaut Tilli verständnislos an.
„Wieso? Warum?“, fragt sie neugierig.
„Na, sie packen ihre Brote aus und dann krümeln sie! Ich liebe Kinder, die krümeln. Sie haben ein Herz für uns Vögel!“, erklärt Tilli. Langsam beginnt die Amsel zu verstehen.
„Aha, und dann pickst du die Krümel auf!“, lacht sie. „Aber sag: Reicht das denn für eine Mahlzeit?“
„Mal ja, mal nein. Man darf halt die Hoffnung niemals aufgeben!“ Das klingt ernst. Der Amsel tut das leid, sie selbst hat großes Glück in diesem Winter, sie hatte immer etwas zu essen gefunden.
„Wie heißt du eigentlich?“, will Tilli nun von der Amsel wissen.
„Ich heiße Alice, so wie die Alice aus dem Wunderland!“, flötet die Amsel.
„Alice, heute ist dein Glückstag!“, ruft Tilli fröhlich aus. „Ich lade dich zum Essen ein!“
In diesem Moment kommt eine Schar aufgeregt schwatzender Schüler auf die Bushaltestelle zu. Sie setzen sich auf die Bank im Unterstand und packen, genau wie Tilli es vorausgesagt hatte, ihre Pausenbrote, oder das, was davon übriggeblieben ist, aus. Ja, und sie krümeln was das Zeug hält. Tilli läuft das Wasser im Schnabel zusammen, doch noch traut sie sich nicht hinunter. Erst als der Bus alle Kinder aufgenommen hat, fliegen die beiden Vögel auf den Boden und picken die Krümel auf. Tilli findet sogar ein riesiges Stück Brotkruste, das sie mit ihrer neuen Freundin teilt.
Zum Dank dafür singt Alice ein herrliches Frühlingslied und wenn ich mich nicht irre, dann habe ich die beiden gerade in trauter Einigkeit auf meiner Terrasse entdeckt. Dort habe ich nämlich eine Handvoll Sonnenblumenkerne verstreut, wie jeden Morgen.

© Regina Meier zu Verl

The children and their crumbs

„Hi, are you waiting for the bus?“ Tilli the dove asks the blackbird, who had just landed next to her on the roof of the bus shelter.
“For the bus? What makes you think that? I don’t need a bus, I can fly!”, she answers with a giggle. This giggle sounds like a lovely melody.
“What are you waiting for then?” Tilli wants to know.
“For springtime, my dear, and you?” The blackbird shakes a few drops of water rain drops off her feathers.
“I’m waiting for the children. They’ll be coming out of school any minute now!” Tilli looks excitedly to the right, and to the left and back again.
“And then?”, she asks the dove. “What are you going to do with the children?”
“I’m not going to do anything with them. I’m waiting for them to unpack their sandwiches and then my moment has come!”, Tilli laughs cooing, a certain anticipation hangs in the air. The blackbird gives Tilli a blank look.
“Why, why?”, she asks, longing to know.
“Well, they unpack their sandwiches and then they make crumbs! I love children who make crumbs. They have a heart for us birds!”, Tilli explains. Slowly but surely the blackbird begins to understand.
“Ah ha, and then you peck up the crumbs!” she laughs. “But tell me: is it enough for a whole meal?”
“Sometimes it is, and sometimes it isn’t. You must never give up hope!” This has an earnest ring to it. The blackbird is sorry, she had always been lucky this winter; she had always found something to eat.
“What’s your name?”, Tilli asks the blackbird.
“My name is Alice, like Alice in Wonderland!”, the blackbird sings.
“Alice, today is your lucky day!”, Tilli calls out happily. “I’ll treat you to a meal!”
At this very moment a crowd of excitedly chattering pupils make their way towards the bus shelter. They sit down on the bench under the roof and just as Tilli had predicted, they unpack their sandwiches, or what’s left of them. Yes, and they make no end of crumbs. Tilli’s beak begins to water, but she doesn’t have the courage to fly down just yet. As soon as all the children have got onto the bus, both birds fly to the ground and peck up the crumbs. Tilli even finds and huge piece of crust, which she shares with her new friend.

To express her thanks, Alice sings a wonderful springtime song and if I’m not mistaken, I have just discovered them both in trusted unity on my patio. You, see, I have just scattered a handful of sunflower seeds there, as every morning.

© Regina Meier zu Verl für die Übersetzung Helen Swetlik