Schlagwörter

, , , ,

Die trotzige Kerze

Es war einmal eine Kerze, die ihren Platz auf einem frisch gebundenen und mit roten Schleifen und goldenen Sternen geschmückten Adventskranz hatte.
„Du bist eine ganz besondere, kostbare Kerze“, hatte die Frau, die den Kranz geschmückt hatte, zu ihr gesagt und dabei für einen Moment zärtlich ihren Körper gestreichelt.
Oh ja, hatte die honiggelbe Kerze gedacht. Das möchte ich sein. Etwas Besonderes, Kostbares.
Und bleiben wollte sie dies auch, für immer und alle Zeiten. Streichhölzer und Feuerflammen sollten nicht in ihre Nähe kommen. Nein. Niemals.
„Nein! Niemals“, sagte sie deshalb nun auch an diesem ersten Adventssonntag, als sich ihr eine Hand mit einem Streichholz näherte. „Ich will nicht brennen, schmelzen, zerfließen, weinen, schrumpfen, bis nichts mehr von mir übrig geblieben ist.“
Sie schüttelte sich und wehrte sich so sehr, dass ihr Docht das Feuer nicht anzunehmen vermochte.
„Autsch!“, schrie da die Menschenstimme, als das Streichholz abgebrannt war. „Nun habe ich mich verbrannt.“
Ein zweites Streichholz zischte auf, und wieder näherte sich eine heiße Feuerflamme der Kerze.
All ihre Kraft musste die Kerze aufbringen, um sich auch gegen diese neue Flamme zu wehren, bis auch das zweite Streichholz abgebrannt war und die Menschenstimme wieder „Au! Autsch“ und „Blöde Kerze!“ rief. Doch schon flammte das dritte Streichholz auf. Nichts. Wie durch ein Wunder blieb der Docht unversehrt. Auch beim vierten, fünften, sechsten und siebten Streichholz. Vergebens. Kein Adventslicht erhellte den Raum.
Die Kerze freute sich. „So ist es recht“, murmelte sie. „Nun werde ich für immer und ewig hier im Zimmer stehen können. Wie schön!“
„Nichts da!“, schimpfte die Menschenstimme wieder. „Diese störrische Ding taugt nichts. Wir ersetzen sie durch eine neue.“
Und ehe sich die Kerze versah, wurde sie aus dem Adventskranz gerissen und aus dem Fenster geworfen. Sie landete auf der Straße vor dem Hund Timotheus, der auf der Suche nach etwas Essbarem durch die Straßen streunte.
Timotheus zögerte nicht lange. Er roch an der Kerze, hob sie auf und machte sich auf den Weg in die wintertrübe Laubenkolonnie. Dort saß Herr Franke, der vor einigen Monaten seine Arbeit verloren hatte, frierend und traurig in seiner Gartenhütte im Dämmerlicht und grübelte.
„Oh, eine Kerze!“, rief er, als Timotheus die Hütte betrat, und seine Augen fingen an zu strahlen. „Was für eine Überraschung! Danke, Timotheus.“ Er streichelte vorsichtig über den honiggelben Bauch der Kerze und flüsterte: „Danke, kleine Kerze.“
Dann zündete er mit zittrigen Fingern ein Streichholz an. Zisch!!!
Zisch? Die Kerze, die eine besondere Kerze sein wollte, erschrak. Aber dieses Mal mochte sie sich nicht mehr wehren. Zu sehr freute sie sich über das glückliche Gesicht des Mannes. Zisch – nahm ihr Docht die Flamme an.
Ein sanftes Licht erhellte nun die schäbige Hütte und das leise Lächeln des Mannes, der in das Kerzenlicht blickte.
„Siehst du, Timotheus“, sagte Herr Franke, während er den Hund kraulte, „nun ist auch zu uns die Weihnachtszeit ein bisschen näher gekommen. Es gibt sie noch, die kleinen Wunder.“

© Elke Bräunling

Eine etwas kürzere Fassung dieser Geschichte findest du hier: Die Kerze, die nicht brennen wollte

Aus dem Buch:

Taschenbuch Hör mal, Oma! Ich erzähle dir eine Geschichte vom Winter: Wintergeschichten – von Kindern erzählt
Ebook: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Winter*

 

 

 

NEU: Dieses Buch ist ab Oktober 2017 in allen Buchhandlungen erhältlich

*Affiliate Link