Schlagwörter

, , , , , , , ,

Weihnachtsständchen

Auf dem Krankenhausflur hatte sich der Kinderchor des Erich-Kästner-Grundschule aufgebaut. Die besten Sänger aus allen Klassen waren es nur. Ein bisschen aufgeregt waren sie alle. Und ganz leise waren sie, andächtig beinahe, kein Scharren mit den Füßen, kein Gerangel untereinander.
Wohlwollend betrachtete Frieder Scholz seine Schützlinge. Dann schlug er die Stimmgabel an, setzte sie an sein Ohr und summte leise einen Dreiklang, wobei er auf die entsprechenden Gruppen zeigte, damit sie den Ton aufnehmen konnten.
„A-a-a-aaaaah!“ und „Mpi-mi-mi-miiiii!“
Wohl und rein ertönte der Klang durch den Flur. A-a-a-aaaaah! Mi-mi-miii! Und noch einmal. Mi-mi-miii!
Frieder Scholz lächelte. Er war zufrieden. Aller Unkenrufe zum Trotz versprach dieses Abenteuer mit den Schülern, zu denen einige der übelsten und tolldreistesten Raufbolde gehörten, einen guten Anfang zu nehmen.
Die Schwestern und Pfleger öffneten die Türen zu den Patientenzimmern und dann stimmten die kleinen Künstler das erste Lied an.
Von weiten Herzen und hellen Kerzen sangen sie, von der Weihnachtsfreude und dem Wunder, das in jener Nacht vor vielen Jahren geschehen ist. In jedem Lied sang ein anderes Kind eine kleine Solopassage. Das Besondere daran war, dass die Solisten die Farben der Welt spiegelten. Da waren Dimitri, dessen Familie aus Russland stammte, der wilde Ntolo von der Elfenbeinküste, Jeremy aus Südkorea und Ayla, die in Deutschland geboren war, aber türkische Wurzeln hatte. Auch Malla, die erst vor wenigen Wochen nach ihrer Flucht aus dem Krieg in die Klasse gekommen war, sang  mit. Ihre Worte klangen noch vorsichtig, die Stimme aber hallte optimistisch laut und glockenrein über den Flur.
Zum Abschluss sangen die Kinder einen Kanon, der mit jedem Durchgang leiser und leiser wurde. Dann breitete sich eine andächtige Stille aus, wohltuend und feierlich, so, als habe die Welt für einen Moment den Atem angehalten.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl